Up-to-date 🔗
Ich glaube, mit eine der größten Hürden mit dem privaten Bloggen anzufangen ist die Illusion, immer up-to-date sein zu müssen. Wenn man über einen interessanten Link stolpert, ihn aber nicht sofort in einen Beitrag umwandelt, entsteht schnell das Gefühl, die Relevanz würde mit jedem Tag ablaufen. Aber ist das wirklich so? Sicherlich gibt es Nachrichten, die nach ein paar Tagen veralten, weil sie sich um aktuelle Entwicklungen drehen. Doch gibt es noch so viel mehr Inhalte im Internet, die es wert sind, auch Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate oder Jahre später noch geteilt zu werden.
Selbst im Nachrichtengeschäft scheint die Bedeutung abzunehmen, mit einer News zu den ersten zu gehören – ein in meinen Augen positiver Effekt der algorithmischen (oder algotorialen) Kuration von Diensten wie Google News, weil Meldungen teilweise auch Tage später noch per Push ausgespielt werden. Der Blick darauf, wie schnell sich Nachrichten tatsächlich verbreiten, verzerrt sich zusätzlich, wenn man hauptberuflich Nachrichten konsumiert. Entsprechend muss man sich dringend loslösen von dem Gefühl, dass “alle” schon etwas gesehen haben, und man die letzte Person sei, die davon mitbekommt.
Ein schönes Beispiel dafür finde ich die Reise des Space Exploration Logo Archives, das gar nicht so brandneu ist, aber trotzdem wieder durch Blogs geistert. Nicht selten lassen sich derartige Projekte auf die Website von Urgestein Jason Kottke zurückverfolgen, der am 16. Oktober 2025 darauf verlinkte. Am 2. November landete es bei Stefan Grund von eay.cc, am gleichen Tag dann auch noch bei pewpewpew.de von Sascha Brittner. Doch selbst Jason war damit bestimmt nicht der Erste: Schon mehr als ein Jahr zuvor besprachen etwa Designmagazine wie Creative Boom das Logo-Archiv. Bestimmt – oder hoffentlich – gibt es auch in einem Jahr einen neuen Artikel darüber und irgendeine Person erfährt davon zum allererstenm Mal.

Eine weitere große Hürde vor dem Veröffentlichen eigener Blogbeiträge ist die wie selbstverständlich auferlegte Regel, Artikel müssen fertig sein, bevor sie online gehen. Was für ein Quatsch! Wir machen hier unsere eigenen Regeln. Wer verbietet mir denn, Artikel noch nach Belieben zu erweitern, wenn mir eine gute Idee kommt? Meta-witzigerweise füge ich exakt diesen Absatz ein, nachdem ich eigentlich dachte, bereits alles gesagt zu haben. Dann erinnerte ich mich allerdings an Worte, die Obsidian-Erfinder Steph Ango mal in irgendeinem Podcast gesagt hat, dass er andauernd über alte Beiträge drübergehe und prüfe, ob sie die Idee präzise genug vermitteln. Bei Texten wie diesem lesenswerten Einblick in seine eigene Nutzungsweise von Obsidian macht er die Zeitlosigkeit des Inhalts noch deutlicher, indem er das Datum direkt verbirgt. Genial!
Sehr interessant finde ich auch die Philosophie über Evergreen Notes, die komplexe Ideen in kleinere, händelbare Einheiten herunterbrechen. Wichtig dabei ist es wohl, den Titel “knapp und einprägsam” zu wählen, sodass er in einem Satz verwendet werden könne. Das habe ich bei diesem Artikel noch nicht geschafft. Aber wer hindert mich denn daran, ihn später noch zu ändern?
Evergreen notes turn ideas into objects. By turning ideas into objects you can manipulate them, combine them, stack them. You don’t need to hold them all in your head at the same time.